Anfänge einer Revolution

Um das Jahr 2010 herum häuften sich in der Psychologie Ereignisse, die für sich genommen als Einzelfälle abgetan werden konnten, gemeinsam aber ein negatives Bild der Wissenschaft zeichneten. Die Fälle fallen in zwei Kategorien: Bei der Stapel-Affäre handelte es sich um eindeutigen Betrug durch das “Erfinden” von Daten oder Berichten von Studien, die nie durchgeführt wurden. Die anderen Fälle sind kein eindeutiger Betrug, stattdessen wurden dabei innerhalb der Wissenschaft zu diesem Zeitpunkt anerkannte Methoden verwendet, um Ergebnisse zu produzieren.

Stapel-Affäre

Durch einen Zufall entdeckten Nachwuchswissenschaftler im Jahr 2011, dass die Daten einer Studie ihres Kollegen, Diederik Stapel, von niemandem jemals erhoben wurden. Sie waren ausgedacht bzw. fabriziert. Stand Juli 2024 wurden 58 von Stapels Fachartikeln identifiziert und zurückgezogen, deren Daten fabriziert oder geschönt wurden.1 Wissenschaftliche Institutionen wie der Begutachtungsprozess von Artikeln durch Fachkolleg*innen, deren Zweck die Qualitätssicherung war, hatten versagt. Seit dem Vorfall sind einige weitere Fälle bekannt geworden, teilweise durch erneute Analyse von Daten der jeweiligen Studien (O’Grady, 2021) und oft durch Whistleblower, also durch wissende Personen, die zu ihrem Schutz anonym bleiben wollen. Umfragen in den Niederlanden unter Forschenden haben ergeben, dass Fälschung oder Beschönigung von Daten von bis zu 10% aller Personen durchgeführt wird (Gopalakrishna et al., 2021). Dabei ist zu beachten, dass Studien durch gefälschte Daten besonders innovativ, überraschend, oder klar werden – Eigenschaften, die die Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift wahrscheinlicher machen.

Bem: Die Zukunft erfühlen

Kurze Zeit später veröffentlichte Daryl Bem, bekannt durch grundlegende psychologisch-philosophische Theorien wie die Self-Perception-Theory (Bem, 1967), den Befund, dass Personen die Zukunft vorhersagen können (Bem, 2011). Genauer gesagt, können manche Personen unter bestimmten Voraussetzungen die Zukunft vorhersagen. In neun Studien fand die Forschendengruppe heraus, dass Personen Vorhersagen über erotische Bilder machen konnten. Die Ergebnisse wurden in der hoch angesehenen Fachzeitschrift Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht. Vielen Psycholog*innen war sofort klar: Entweder, grundlegende Annahmen ihres Weltbildes waren falsch (“Personen können nicht die Zukunft vorhersagen”) oder es stimmte etwas mit den Ergebnissen nicht. Mehrere Forschende versuchten sich daran zu erklären, wie es zu den Ergebnissen kam. Analysen der veröffentlichten Daten mit alternativen statistischen Methoden führten zur selben Schlussfolgerung (Wagenmakers et al., 2011), Replikationen durch unabhängige Forschende schlugen jedoch fehl (Muhmenthaler et al., 2022; Robinson, 2011; Roe et al., 2012).

Bargh: Beeinflussen durch Priming

Seine Studien wurden im Marketing gefeiert und als neurowissenschaftliche Erkenntnisse verkauft: Wer ein heißes Getränk (im Vergleich zu einem kalten) trinkt, schätzt andere Personen als “wärmer” (großzügig, rücksichtsvoll) ein (Williams & Bargh, 2008). Wer Anagramme löst, die etwas mit hohem Alter zu tun haben (z. B. GEPLEHIMEF statt PFLEGEHEIM, URGA statt GRAU, oder zum selbst probieren GHOSTECK), geht danach in langsamerem Tempo (Bargh et al., 1996). Viele dieser Studien wurden nicht repliziert: Forschenden fiel in der Anagramme-Studie auf, dass Bargh und Kolleg*innen die Zeit mit Stoppuhren gemessen hatten und dabei wussten, welche Person die “Alt”-Wörter und welche die neutralen Anagramme gelöst hatten – dabei lernt jede*r Psychologie-Studierende im ersten Jahr, dass das nicht der Fall sein sollte und Versuchsleiter*innen “blind” gegenüber dem Untersuchungszweck und der Zuordnung der Personen zu den Gruppen sein sollten. In ihrer Replikation (Doyen et al., 2012) maßen Doyen und Kolleg*innen die Zeit zunächst selbst wie Bargh et al. in der Originalstudie: Bei dieser problematischen Messung kam dasselbe heraus. Ließen sie die Zeit stattdessen mit Lichtschranken erfassen, ohne dass die Versuchsleiter*innen wussten, welche Hypothese untersucht wurde und welche Person welche Anagramme löste, ließ sich der Effekt jedoch nicht replizieren.

Wichtige Ereignisse jenseits der Psychologie

In der Verhaltensbiologie zeigten Crabbe et al. (1999) bereits viel früher, dass Befunde zum Einfluss der Gene auf das Verhalten stark davon abhingen, in welchem Labor die Mäuse untersucht wurden. Während Verbesserungen im Forschungsprozess seitdem immer wieder gefordert wurden (Kafkafi et al., 2018) blieb eine Revolution wie in der Psychologie aus.

Ein etwas anderes Problem ergab sich im Rahmen der Sequenzierung der menschlichen DNS: Dort beantragten Unternehmen noch während des Erforschungsprozesses die Rechte daran (Intellectual Property). Die negativen sozialen und wissenschaftlichen Folgen wurden früh diskutiert (Moore, 2000) und sind noch immer Teil von wissenschaftlichen und politischen Diskussionen.

Probleme mit Reproduzierbarkeit, also der Bestätigung von veröffentlichten Ergebnissen basierend auf denselben Daten, sind außerdem in präklinischen Tierstudien zu verschiedenen Medikamenten (Biologie), in der Krebsforschung (Medizin), Genetik (Biologie), Heilmitteln gegen ALS (Neurologie), und vielzitierten medizinischen Interventionen (Medizin) bekannt (Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences, 2018, S. 22, Tabelle 1).


Literaturverzeichnis

Bargh, J. A., Chen, M., & Burrows, L. (1996). Automaticity of social behavior: Direct effects of trait construct and stereotype activation on action. Journal of Personality and Social Psychology, 71(2), 230–244. https://doi.org/10.1037/0022-3514.71.2.230
Bem, D. J. (1967). Self-perception: An alternative interpretation of cognitive dissonance phenomena. Psychological Review, 74(3), 183–200. https://doi.org/10.1037/h0024835
Bem, D. J. (2011). Feeling the future: experimental evidence for anomalous retroactive influences on cognition and affect. Journal of Personality and Social Psychology, 100(3), 407–425. https://doi.org/10.1037/a0021524
Crabbe, J. C., Wahlsten, D., & Dudek, B. C. (1999). Genetics of mouse behavior: interactions with laboratory environment. Science, 284(5420), 1670–1672. https://doi.org/10.1126/science.284.5420.1670
Doyen, S., Klein, O., Pichon, C.-L., & Cleeremans, A. (2012). Behavioral priming: it’s all in the mind, but whose mind? PloS one, 7(1), e29081. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0029081
Gopalakrishna, G., Riet, G. ter, Cruyff, M. J. L. F., Vink, G., Stoop, I., Wicherts, J. M., & Bouter, L. (2021). Prevalence of questionable research practices, research misconduct and their potential explanatory factors: a survey among academic researchers in The Netherlands. https://doi.org/10.31222/osf.io/vk9yt
Kafkafi, N., Agassi, J., Chesler, E. J., Crabbe, J. C., Crusio, W. E., Eilam, D., Gerlai, R., Golani, I., Gomez-Marin, A., Heller, R., Iraqi, F., Jaljuli, I., Karp, N. A., Morgan, H., Nicholson, G., Pfaff, D. W., Richter, S. H., Stark, P. B., Stiedl, O., … Benjamini, Y. (2018). Reproducibility and replicability of rodent phenotyping in preclinical studies. Neurosci. Biobehav. Rev., 87, 218–232. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2018.01.003
Moore, A. D. (2000). Owning genetic information and gene enhancement techniques: why privacy and property rights may undermine social control of the human genome. Bioethics, 14(2), 97–119. https://doi.org/10.1111/1467-8519.00184
Muhmenthaler, M. C., Dubravac, M., & Meier, B. (2022). The future failed: No evidence for precognition in a large scale replication attempt of Bem (2011). Psychology of Consciousness: Theory, Research, and Practice. https://doi.org/10.1037/cns0000342
O’Grady, C. (2021). Honesty study was based on fabricated data. Science, 373(65-58), 950–951. https://doi.org/10.1126/science.373.6558.950
Robinson, E. (2011). Not feeling the future: A failed replication of retroactive facilitation of memory recall. Journal of the Society for Psychical Research, 75(904).
Roe, C. A., Grierson, S., & Lomas, A. (2012). Feeling the future: two independent replication attempts.
Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences. (2018). Replication studies—Improving reproducibility in the empirical sciences.
Wagenmakers, E.-J., Wetzels, R., Borsboom, D., & van der Maas, H. L. J. (2011). Why psychologists must change the way they analyze their data: the case of psi: comment on Bem (2011). Journal of Personality and Social Psychology, 100(3), 426–432. https://doi.org/10.1037/a0022790
Williams, L. E., & Bargh, J. A. (2008). Experiencing physical warmth promotes interpersonal warmth. Science, 322(5901), 606–607. https://doi.org/10.1126/science.1162548

  1. Mittels der Retraction Database lassen sich nach Thema, Autor*in, Zeitschrift, usw. zurückgezogene Artikel durchsuchen: http://retractiondatabase.org/.↩︎